Hightech, Wind und Wasser
Die Energie-Zukunft hat in Mecklenburg-Vorpommern längst begonnen
Rostock _ Für die kommenden Stunden liegt der Arbeitsplatz von Jens Wegner rund 80 Meter über dem Erdboden, in der Gondel einer Windkraftanlage. Was von unten wie eine Zigarettenschachtel aussieht, hat die Größe eines Einfamilienhauses. Aber von der stählernen Haustür am Turmfuß führt keine bequeme Treppe mit Geländer nach oben, sondern eine stählerne Hühnerleiter mit einer Führungsschiene in der Mitte, in die der Sicherungsgurt eingehakt wird. Nach dem schweißtreibenden Aufstieg muss der junge Maschinenbauer erst einmal seinen Overall öffnen. Fünf Minuten Pause. Dann beginnt er mit der Wartung der 1,5-MW-Anlage: Lager abschmieren, Rotorblätter begutachten, Software-Update. Beim anschließenden Lauftest schwankt die Gondel wie ein Segelboot. Alles in Ordnung. Einpacken. Jetzt bloß nichts liegen lassen, sonst wäre der Feierabend in Gefahr. Morgen steht eine Multi-Megawatt-Anlage auf dem Plan, freut sich Jens Wegner, Chef seiner Ein-Mann-Servicefirma. Die haben einen Fahrkorb, wie er im Bergbau genutzt wird.
Schrittmacher Mecklenburg-Vorpommern
Während Experten noch die Ergebnisse des Kopenhagener Klimagipfels interpretieren, hat sich in Mecklenburg-Vorpommern
längst die Einsicht durchgesetzt, dass Klimaschutz eine Quelle für neuen Wohlstand sein kann. Denn erneuerbare Energien,
ressourceneffiziente Produkte und öko-intelligente Technologien eröffnen ein weites Feld für Forscher und Ingenieure, Unternehmer
und Landwirte. Der Erfolg ist messbar, zum Beispiel in der Beschäftigungsstatistik. Außerdem profitieren die Kassen der
Städte und Gemeinden von den Gewerbesteuerzahlungen. In zehn Jahren soll Deutschland 30 Prozent seines Strombedarfs aus
erneuerbaren Quellen decken – so will es die Bundesregierung. Mecklenburg-Vorpommern ist da schon heute einen Schritt weiter.
Zum Vergleich: Vor 20 Jahren drehte sich in MV gerade mal ein Windrad auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst. Inzwischen
sind im Nordosten nach Angaben des Schweriner Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus 1.295 Windkraftanlagen mit
einer Leistung von 1.442 Megawatt am Netz.
Energiepolitischer Vorreiter
Das Land punktet aber nicht nur mit Strom aus Wind, sondern auch bei der Nutzung von Biomasse und Solartechnik.
„In Mecklenburg-Vorpommern können in diesem Jahr etwa 60 Prozent des landesweiten Strombedarfs aus regenerativen Energiequellen
gewonnen werden“, sagt der Vizepräsident des Bundesverbandes Windenergie, Andreas Jesse. Dieses klare Bekenntnis zu neuen
Energien schlage sich auch im Bundesländerranking der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie und der Wirtschaftswoche nieder.
Danach gehört MV klar zur Spitzengruppe. Experten haben keinen Zweifel: MV kann aufgrund seiner günstigen klimatischen und
geologischen Bedingungen, der Lage am Meer und dem hohen Biomasseaufkommen in der Landwirtschaft einer der Vorreiter für eine
neue Energiepolitik in Deutschland sein. Genau da setzt das Konzept „Energieland 2020“ der Landesregierung an. Gerade politische
Weichenstellungen spielen eine entscheidende Rolle für Tempo und Schwungkraft der anstehenden Veränderungen.
(Wind-)Kraftzentrum Nordost
Schon heute trägt die Windenergie kräftig zur Wertschöpfung in Mecklenburg-Vorpommern bei. So produziert die Eisengießerei
in Torgelow komplizierte Getriebeteile und aus dem Schweriner KGW-Werk kommen Turmsegmente. Eine Hochburg ist Rostock, sagt der
Geschäftsführer der kommunalen Wirtschaftsförderungsgesellschaft Rostock Business, Christian Weiß: „Windkraftanlagen werden über
den Seehafen verschifft. Die EEW Special Pipe Constructions GmbH liefert riesige Fundamentrohre für die Offshore-Windindustrie.
In der zentralen europäischen Fertigungsstätte der Nordex AG arbeitet fast jeder zweite der weltweit 2.200 Mitarbeiter und der
Umsatzmilliardär will weiter expandieren. Außerdem hat die Firma e.n.o. energy mit der Produktion von Windenergieanlagen begonnen“.
Und auch auf dem Wasser geht es voran: Der Energieriese EnBW investiert in den Offshore-Windpark Baltic 1, die 50 Hertz Offshore GmbH
baut das Seestromnetz auf dem Ostseegrund. Zahlreiche Unternehmen im ganzen Land – von der großen Eisengießerei bis zum kleinen
Taucherei-Betrieb – erhalten Aufträge aus der Windenergiebranche. Als Chance betrachtet auch die Firma Ed. Züblin AG aus Stuttgart
den Offshore-Markt und prüft derzeit die Möglichkeiten für die Ansiedlung eines Werkes, in dem Betonfundamente für
Offshore-Windkraftanlagen gefertigt werden sollen. Im Standortrennen ist u.a. der Hafen Sassnitz-Mukran.
Hohe internationale Anerkennung
Neben leistungsfähigen Windkraftanlagenherstellern haben sich im Land eine Vielzahl von spezialisierten Ingenieurbüros und
Handwerksbetrieben angesiedelt. Gerade erst hat der südkoreanische Mischkonzern Hyosung aus Seoul in Rostock eine Niederlassung eröffnet.
In dem Forschungs- und Entwicklungszentrum sollen Ingenieure neue Windenergieanlagen konstruieren. Rostocks internationale Anerkennung
ist hoch – aus dem Interreg-Programm „South Baltic“ fließen etwa 3,5 Mio. Euro Fördermittel in die „Windenergieregion Rostock“.
Ein Thema: In Kooperation mit internationalen Projektpartnern sollen die Chancen für die Speicherung von Energie aus Windkraft
ausgelotet werden. Auch in Sachen Offshore-Windbusiness sei noch viel Pionierarbeit zu leisten, so Rostocks Oberbürgermeister Roland Methling.
„Wir wollen unsere Standortqualitäten nutzen, um mit Partnern aus dem südlichen Ostseeraum diese Megaregion noch wettbewerbsfähiger
zu machen. Das Potenzial dazu haben wir“.
Windmüller zieht es aufs Meer
Die europäische Offshore-Windenergiebranche sieht sich auf einem starken Wachstumskurs. Im vergangenen Jahr gingen in Europa
nach Angaben der European Wind Energy Association acht neue Windparks mit insgesamt 199 Offshore-Windturbinen und einer Leistung
von 577 Megawatt ans Netz. Dieses Jahr sollen zehn zusätzliche Offshore-Windparks mit einer Leistung von 1.000 Megawatt fertiggestellt
werden. Darüber hinaus sind in europäischen Gewässern 17 Windparks im Bau, weitere 52 genehmigt. Insgesamt befinden sich Projekte
mit mehr als 100 Gigawatt in verschiedenen Planungsstadien und können die Energie für zehn Prozent der europäischen Elektrizitätsnachfrage liefern.
Carsten Klehn
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Windparkillumination Der Künstler Christoph Ernst ist der Begründer der Windrad-Kunst. Das abgebildete Lichtkunstwerk in Klettwitz (2007–08) war weltweit die erste Lichtkunstinstallation auf den Rotorblättern einer Windkraftanlage. Für den kommenden Herbst plant Ernst seinen nächsten Coup: Auch in Rostock möchte er die Windenergie künstlerisch greifbar machen. |
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