Leben

Heimspiel für Marteria

Er bleibt wach, bis die Wolken wieder lila sind. Er rappt über die „Welt der Wunder“, „sein Rostock“ und hält auch mal „Zwei Finger an den Kopf“. Ob als Marteria oder sein Alter-Ego Marsimoto: Marten Laciny ist der erfolgreichste Rap- und Hip-Hop-Künstler Deutschlands. Markante Bass-Stimme, Texte mit Aussage, klare Haltung – das macht Marteria, der beinahe Fußballprofi in Rostock geworden wäre, aus. Mit 18 als Model nach New York gegangen, zurück gekommen und nun auch wieder an seiner Ostsee zuhause, spricht der Star mit uns im Strandkorbgespräch – über sein Album „5. Dimension“, den Blick auf die Welt und seine Heimat MV.

Marten, du bist der Erste, der zum zweiten Mal in unserem Strandkorb sitzt. Wie geht es dir?

Danke, große Ehre für mich. Mir geht es gut. Die letzten Wochen waren sehr anstrengend. Ich hatte eine sehr schöne abschließende Sommer-Show in der Berliner Waldbühne. Jetzt ist das Thema Live-Spiel für diesen Sommer durch und es geht um ganz andere Sachen. Also mir geht es gut, aber ich bin gerade sehr aufgeregt wegen meinen Konzerten und was hier in diesem wunderschönen Stadion passieren soll. 

Voller Vorfreude: Bereits 2018 spielte Marteria ein Konzert im Ostseestadion. 2023 soll es hier gleich zwei Konzerte von ihm geben. (Bild: Holger Martens)

„Wenn die Stromkästen blau, weiß, rot angemalt sind - das ist die Hansa-Zone, das ist unser Zuhause.“ Marten über seine Heimat. (Bild: Holger Martens)

Marteria hält einen engen Draht zu seinen Fans via Social Media – hier bei einer Videobotschaft aus seinem „Wohnzimmer“. (Bild: Holger Martens) 

Multitalent: Marten spielte lange Zeit beim FC Hansa Rostock und auch in der U17 der DFB-Auswahl. (Bild: Holger Martens)

Du sprichst von deinen Plänen 2023 hier im Rostocker Ostseestadion, deinem  „Wohnzimmer“ …

Es ist schon irgendwie der Mittelpunkt für ganz viele Menschen in diesem Land und jedes zweite Wochenende kommen die Menschen hierher. Hier fühlt man sich zuhause und dieses Stadion ist das erste Stadion, in dem jemals in Deutschland ein Hiphop-Konzert live gespielt wurde. Und dieser Ort wird es für immer bleiben – und das ist schon was Besonderes. Und dass mich, glaube ich, viele natürlich auch extrem mit dieser Stadt verbinden, was nicht bei vielen Künstlern so ist. Bei Herbert Grönemeyer mit Bochum ist das natürlich auch noch eine krasse Verbindung mit der Stadt, oder mit den Hosen oder Campino mit Düsseldorf. Aber das ist ganz schön, dass wir immer auch die Fahne hochhalten für unsere Stadt, für unser Land, für unser Stadion. 

Nach deinem Konzert in der Waldbühne Berlin hast du gepostet: „Nur dafür machen wir das.“ 
Ein Bild der Fans mit dir. Welche Bedeutung haben Konzerte heute? 

Ich glaube, die Leute brauchen das. Aber es gibt mehrere Faktoren. Man hat mittlerweile irgendwie wahrscheinlich sechs, sieben Konzert-Tickets am Kühlschrank hängen. Alles wird verschoben, natürlich Pandemie-bedingt, und jetzt natürlich auch durch das Thema Inflation, das Thema Kohle. Und ich hoffe natürlich trotzdem, dass wir zusammen feiern können und ich glaube, dass das was Besonderes wird. Denn das ist ja kein Rostocker Konzert, das ist ein „Mecklenburger Konzert“.

Marteria wurde mit Hits wie „Lila Wolken", „Kids" und  „Endboss" zu einem der erfolgreichsten Rapper Deutschlands. (Bild: Chris Schwarz) 

Der Rapper beim Konzert in der Berliner Waldbühne im Sommer - Fans und Musiker haben sich vermisst. (Bild: Chris Schwarz)

Campino und Marteria sind gut befreundet und treffen sich regelmäßig in MV, um gemeinsam Songs zu schreiben. (Bild: Chris Schwarz)   

Umjubelt: Marteria genießt das Bad in der Menge - hier während seines Auftrittes bei Rock am Ring 2022. (Bild: Chris Schwarz)

Du rapst im Song „Strandkind“: „Was soll ich sagen, bin Strandkind, habe nicht dieses Leben der Anderen. Auch die Uhr läuft hier ab, doch es ist wenigstens Sand drin.“ – Was ist Heimat für dich? 

Diese Zeilen sind natürlich die Romantik von Hanseaten, von Leuten wie mir.  Mein Opa war Fischer und Seemann, mein Vater Seemann. Natürlich bin ich Strandkind, natürlich bin ich Angler. Das wird man nicht, das ist man halt einfach. Und es steckt im Blut drin, es ist in der DNA verankert. Und das ist das, was ich fühle, wenn hierherkomme, wo meine alten Freunde sind, wo meine Familie ist. Der Moment, wenn du hier an den Strand gehst, wenn du hier angelst, an der Müritz bist. Wenn die Stromkästen blau, weiß, rot angemalt sind. Das ist die Hansa-Zone, das ist unser Zuhause. Und deswegen war es auch für mich so wichtig, hier wieder herzukommen. 

Der 1982 geborene Marten Laciny wuchs als jüngstes von drei Geschwistern in Rostock auf. Als begabter Fußballer blieb der Sohn eines Seemanns und einer Lehrerin seinem Heimatverein FC Hansa Rostock lange treu und spielte in der U17-Nationalmannschaft. Doch das war erst der Beginn der Reise des heutigen Superstars. 1999 wurde er in New York von einem Scout entdeckt und startete eine zweite Karriere als Model. 2003 beschloss der Rostocker, sich in Berlin auf seine prosperierende Rap-Karriere, unter dem Künstlernamen Marteria, aber auch dem Pseudonym Marsimoto, zu konzentrieren. Inzwischen ist Marteria wieder nach MV zurückgekehrt, engagiert sich für seine Heimat und soziale Projekte. 

Was hat dich dazu bewogen, zurück nach MV zu kommen?

Ich habe damals auch in Berlin geguckt und dann gesehen: Nein, das ist alles nicht meins, hier fühle ich mich nicht wohl, mir fehlen hier die letzten wichtigen Prozent Emotionalität, und deswegen bin ich auch wieder nach MV gezogen. Hier finde ich meine Ruhe und meine Kreativität. Campino kommt zu mir – wir schreiben hier die Toten-Hosen-Lieder. Wir machen das alles hier, weil sich alle in das hier verliebt haben und dann einfach gemerkt haben, wie schön das hier ist. 

Starker Einsatz: Marten Laciny engagiert sich in seiner Heimat für soziale Projekte. (Bild: Holger Martens) 

Intensives Gespräch im Strandkorb: Peter Kranz vom Landesmarketing MV und Marten Laciny alias Marteria. (Bild: Holger Martens) 

Marten fühlt sich seiner Heimat verbunden und ist, nach 2014, bereits das zweite Mal zu Gast im Strandkorb.  (Bild: Holger Martens) 

Eine Beziehung zum Land, die du auch in deinen Songs verarbeitest? 

Das ist ein ganz besonderes Gefühl, was ich mit „Mein Rostock“ (2014) als Song versucht habe, emotional zu beschreiben. Das Lied spiele ich auch immer nur hier. Das spiele ich nirgendwo anders – das spiele ich in Rostock. Mit „Strandkind“ habe ich ein Lied gefunden, was ich überall spiele, um so ein bisschen die Identität der Heimat zu zeigen und weil man auch einfach sehr viele Leute aus Mecklenburg-Vorpommern findet. Wenn ich in Zürich ein Konzert spiele, habe ich da auch hundert Hansa-Schals. Überallhin sind Leute ausgewandert, zum Arbeiten hingegangen. Und mittlerweile kommen aber auch viele wieder her, das ist ganz schön. 

Hat sich MV für dich verändert?

Für mich hat es sich natürlich grundlegend verändert, weil ich damals noch in Berlin gewohnt habe. Ich bin ja wieder zurückgezogen und wohne jetzt an der Ostsee. Und ich bereue es auf jeden Fall nicht. Es ist einfach wunderschön geworden. Es war durch die Pandemie ein bisschen schwierig, weil viele Leute hier natürlich vom Tourismus leben und gerade dort, wo ich wohne, eigentlich jeder eine Ferienwohnung hat und jeder das auch braucht. Es ist schon was passiert und ich habe das Gefühl, dass die Wahrnehmung dieses Landes unfassbar wächst.

Am 17. /18. November 2022 präsentiert Marteria im Volkstheater Rostock die Reportage „Der Amazonas Job". Für die Produktion des Dokumentarfilms war der Rapper im Frühjahr 2022 zusammen mit dem Rostocker Verein „Plant for Future" und dem Filmemacher Chris Schwarz im Regenwald von Peru – im Anschluss der Vorführung berichtet er von seinen Erlebnissen und seinem großen Anliegen – dem Naturschutz.  

Woran machst du das fest? 

Ich habe auch noch ein ganz kleines Mini-Häuschen mit Ofen und so in der Mecklenburgischen Seenplatte. Und auf einmal sind da Leute aus Bayern auf Fahrrädern durchgefahren und haben mich angesprochen. Ich habe da noch nie jemanden aus Bayern durchfahren sehen. Durch die Pandemie war es ja auch ein Glück, dass die Leute mehr Inlandsurlaub gemacht haben und dann haben die erkannt, wie schön das Land ist. Es gibt wunderschöne Ecken überall in Deutschland, aber ich glaube, Mecklenburg-Vorpommern ist schon unfassbar divers und unfassbar besonders, sodass sich viele Leute auch in das Land verliebt haben. 

Du bist aber auch viel in der Welt unterwegs?

Martens Großvater war Fischer und Seemann, sein Vater ist Seemann - den starken Bezug zum Meer hat er geerbt. (Bild: Luis Engels) 

„Natürlich bin ich Angler. Das wird man nicht, das ist man halt einfach", sagt Marten. (Bild: Luis Engels) 

Mag es, auf seinen Reisen „mit den normalen Menschen abzuhängen" - hier mit einem kolumbianischen Fischer bei einem Videodreh. (Bild: Marteria) 

Ich bin viel unterwegs. Ich bin Angler und dadurch mache ich sehr viele Reisen, die sehr verrückt sind: Irgendwo mit Völkern im Amazonas-Gebiet. Die letzten Jahre war ich in Kolumbien, Brasilien, Peru, auf irgendwelchen Inseln. Und da bist du viel mit den normalen Leuten unterwegs. Man redet übers Angeln, übers Fischen, und das ist so schön, weil es überall dasselbe ist. Wir haben überall dieselben Probleme.

Wie meinst du das? 

Ich merke das zum Beispiel auch bei uns auf der Insel, wie der Wind zugenommen hat in den letzten Jahren. Und dann gehst du nach Barbados oder Kolumbien und hast genau dasselbe. Die Welt ist gar nicht so unterschiedlich in den wichtigen Dingen und den Problemen. Was ich sehr krass fand. Und man nimmt das mit und man kommt mit den Leuten sehr gut klar, weil wir ja auch wichtige Werte vertreten und es nicht darum geht: Wie viel Kohle hat man? Was fährt man für ein Auto? Sondern: Wie viele Fische hast du heute gefangen? Das war für uns immer wichtiger als alles andere. Und deswegen ist man da sehr verbunden mit den Leuten. 

Bereits 2019 erfüllte sich Marteria einen Traum, in dem er als einer der ersten deutschen Rapper ein Solo-Konzert in einem Stadion gab – ein legendäres Heimspiel im Ostseestadion seiner Heimatstadt. 2023 wird er erneut im Rostocker Ostseestadion auftreten. Die Tickets für das Konzert am 02.09.2023 für etwa 33.000 Fans waren innerhalb einer Stunde ausverkauft. Daher gibt es ein Zusatzkonzert am 01.09.2023, für das es aktuell noch Karten gibt.

Hat der Künstler Marteria heute eine andere Botschaft als vielleicht noch vor 10 Jahren?

Ich weiß nicht – mit Botschaften tue ich mich schwer. Das ist, wie jemandem zu sagen, wie er sein Leben zu leben hat. Viele Menschen haben unterschiedliche Lebensvorstellungen. Ich würde niemals sagen: Hey, macht doch mal das, macht doch mal das. Ich glaube, man ist schon angetrieben vom eigenen Glück. Ich habe eine Zeile auf der neuen Platte im Song „Zug der Erkenntnis“, wo es ein bisschen um sowas geht. Erkenntnisse sammeln oder: Was ist jetzt eigentlich passiert im Leben? Alles ein bisschen Revue passieren lassen… Da gibt es am Ende die Zeile: „So lange man kann, so viel wie geht.“ Und das das ist so ein bisschen der Slogan, wie ich lebe. Für mich ist das so: Solange ich Musiker bin, solange ich Leute beeinflussen kann, solange ich Kids beeinflussen oder Werte vermitteln kann, versuche ich das zu machen und versuche ich, für gute Dinge einzustehen. 

Wie wichtig ist dir das im Leben? 

Ich habe auch Tage, an denen es mir nicht gut geht und habe auch Tage, an denen ich denke; Alles ist Scheiße. Das ist ganz normal, das hat jeder Mensch. Aber zu versuchen, eine gute Message nach außen zu tragen, die die Leute nicht verrückt macht, sondern die Leute eher zusammenschweißt und verbindet. Und dass man vielleicht einmal mehr überlegt, bevor man irgendwas sagt. Dass das alles nicht leicht ist heutzutage, und dass es nicht leicht ist, mit den ganzen Problemen dieser Welt klarzukommen, das ist total logisch. Aber das war schon immer so in allen Jahrhunderten der Menschheit. Es ist nicht alles einfach – es hat ja niemand einen Vertrag unterschrieben: Das Leben wird einfach, unterschreib mal bitte hier. Das geht nicht. Aber hier oben ist es zumindest noch ein bisschen schöner.  (lacht)

All eyes on: In der Drehpause bleibt auch mal Zeit für einen kurzen Plausch – ganz ohne Mikros. (Bild: Holger Martens)

Marten erinnert auch an ihn prägende Momente wie die rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992. (Bild: Holger Martens) 

Was magst du besonders an Mecklenburg-Vorpommern?

Dass die Leute ehrlich sind, dass sie in allen Richtungen das Herz auf der Zunge tragen, dass es einfach landschaftlich wunderschön ist, dass wir am Meer leben, dass wir eine sehr große Verbindung, eine sehr große lokale Liebe haben. Und Leute, die von hier kommen, sind auch stolz darauf, aus Meck-Pomm zu kommen. Das hat sich total gedreht und man kann jetzt einfach stolz sagen, man ist Rostocker. Man kann stolz sagen, man ist ein Greifswalder. Das hat sich ganz schön geändert. 

Wie zeigt sich diese starke Identifikation mit dem Land? 

Indem wir trotzdem nicht vergessen, was hier alles passiert ist, gerade in Lichtenhagen 1992. Man muss sich auch daran erinnern, was alles mal nicht so gut war und dass auch heute nicht alles gut ist. Aber man kann auch mal zusammen anpacken. Man kann auch selbst Initiative ergreifen und selbst dafür sorgen, dass der Spielplatz unten im Viertel gut aussieht und sich nicht immer nur auf alle anderen verlässt – sondern Gemeinschaft hat, Gemeinschaft in den Städten hat, Gemeinschaft in den Dörfern hat. 

Vielen Dank. Jetzt noch DIE Challenge: 
Deine Heimatstadt Rostock in drei Worten – welche wären das? 

Blau – weiß – rot.

Hatte schon immer eine starke Verbindung zum FC Hansa Rostock – Rapper Marteria. (Bild: Holger Martens)

Und MV in drei Worten?

Atmen – schön – Strand.

Vielen Dank für das Gespräch!

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